Kann KI Arztbriefe
schreiben?
Ja. Das Werkzeug hört entweder das Gespräch mit oder liest, was ohnehin in der Akte steht, und legt daraus einen fertig formulierten Entwurf vor. Der Brief ist damit noch nicht fertig, denn Sie lesen ihn gegen Befund, Laborwert und Medikationsplan und geben ihn frei. Diese Prüfung nimmt Ihnen kein Werkzeug ab.
Rechtlich bleibt es Ihr Brief. Sie haften nach § 630a BGB unverändert, und die Freigabe gehört so dokumentiert, dass sie später erkennbar ist. Ob darüber hinaus Pflichten aus dem EU AI Act entstehen, entscheidet die Zweckbestimmung des Werkzeugs. Formulieren allein löst sie nicht aus, Kodieren und Bewerten kann es. § 203 StGB schließt privat geführte Konten für Patientendaten in jedem Fall aus, und in der Kassenpraxis braucht das Werkzeug zudem ein C5-Testat nach § 393 SGB V.
Vier Wege, und einer steckt vielleicht schon in Ihrer Praxissoftware.
Wer zum ersten Mal danach sucht, findet vier verschiedene Dinge unter demselben Begriff. Sie unterscheiden sich darin, woher der Text kommt und wer den Vertrag hält.
Was sich im Praxisalltag ändert, und was bleibt.
Drei Dinge, die KI nicht leistet und die Sie nicht delegieren können.
Woran Sie merken, ob sich das für Ihre Praxis lohnt.
Sechs Stationen vom Gespräch bis zur Unterschrift.
Vier Punkte, die beim KI-Arztbrief zusammenkommen.
Zwölf Fragen, die Sie vor dem Vertrag stellen.
Zuerst das C5-Testat des Anbieters nach § 393 SGB V, dann die Verpflichtung auf die Schweigepflicht bis zum letzten Unterauftragnehmer und die Zweckbestimmung. Danach Audio und Löschfristen, der Weg zur Freigabe, die Anbindung an die Praxissoftware und was bei einem Ausfall des Anbieters geschieht.
Was Praxen zum KI-Arztbrief fragen.
01Welche Arten von KI-Werkzeugen für Arztbriefe gibt es?
Vier, und sie unterscheiden sich darin, woher der Text kommt und wer den Vertrag hält. Das Dokumentationsmodul der Praxissoftware ist die kürzeste Strecke, weil die Anbindung an die Akte schon steht. Das mithörende Zusatzprogramm nimmt das Gespräch auf, ordnet es in Anamnese, Befund und Plan und legt einen Entwurf ab. Das Entwurfswerkzeug formuliert aus der vorhandenen Dokumentation, ohne mitzuhören. Der allgemeine Chatbot im Browser ist der vierte Weg und für Patientendaten über ein privat geführtes Konto nicht gangbar, weil Auftragsverarbeitungsvertrag und Kontrolle über die Aufbewahrung fehlen.
02Ab wann lohnt sich ein KI-Werkzeug für Arztbriefe?
Der Nutzen hängt am Briefaufkommen, an der Gleichförmigkeit der Sprechstunde und daran, ob das Werkzeug in die Praxissoftware hineinreicht. Bei wenigen, ausführlichen Briefen fällt er kaum ins Gewicht. Bei vielen Standardbriefen liegt er in der Zeit, die heute nach der Sprechstunde anfällt. Anbieter nennen Größenordnungen um eine knappe Stunde am Tag. Belastbare unabhängige Zahlen für den deutschen Praxisalltag gibt es bislang nicht, deshalb ist eine Messung über zwei Wochen im eigenen Betrieb die verlässlichere Grundlage.
03Darf ich als Arzt KI nutzen, um Arztbriefe zu schreiben?
Ja, grundsätzlich, aber unter Auflagen. Sie bleiben nach § 630a BGB für Inhalt und Richtigkeit verantwortlich und prüfen jeden Entwurf, bevor er hinausgeht. Ein privat geführtes Konto bei einem Sprachmodell scheidet für Patientendaten aus. In der Kassenpraxis braucht ein Cloud-Werkzeug ein aktuelles C5-Testat des Anbieters nach § 393 SGB V, dazu kommen ein Auftragsverarbeitungsvertrag und die Verpflichtung des Anbieters auf die Schweigepflicht nach § 203 StGB. Der andere Weg ist ein Modell im eigenen Praxisnetz.
04Wer haftet, wenn ein KI-generierter Arztbrief einen Fehler enthält?
Der Arzt. § 630a BGB kennt keine Entlastung durch KI-Nutzung, und ein ungeprüft übernommener Entwurf ist haftungsrechtlich Ihr Brief. Fehlt die Dokumentation der fachlichen Prüfung, wirkt § 630h Abs. 3 BGB gegen Sie, weil eine nicht dokumentierte Maßnahme als nicht getroffen vermutet wird. Der EU AI Act verschärft das nur dort, wo das Werkzeug tatsächlich Hochrisiko-KI ist; für ein reines Formulierungswerkzeug greift Art. 26 nicht.
05Woran erkenne ich ein geeignetes Werkzeug für KI-Arztbriefe?
Zwei Bauweisen stehen zur Wahl, das mithörende Ambient-Werkzeug und das Entwurfswerkzeug, das aus vorhandener Dokumentation formuliert. Geprüft wird in dieser Reihenfolge: das C5-Testat des Anbieters nach § 393 SGB V und der Ort der Verarbeitung, die Verpflichtung nach § 203 Abs. 4 StGB bis zum letzten Unterauftragnehmer, die veröffentlichte Zweckbestimmung, die über die Medizinprodukte-Frage entscheidet, die Anbindung an die Praxissoftware, das Protokoll über Entwurf, Änderung und Freigabe und der Rückfallweg bei einem Ausfall des Anbieters. Die Fragen dazu stehen im Anbieterfragebogen auf dieser Seite.
06Ist ChatGPT für Arztbriefe zulässig?
Mit Patientendaten nicht im privaten Konto. Dort fehlen Auftragsverarbeitungsvertrag und Kontrolle über die Aufbewahrung, und die Eingabe ist eine Offenbarung nach § 203 StGB. In der Kassenpraxis scheiden derzeit auch Team-, Business- und Enterprise-Zugänge aus, weil ihnen das C5-Testat fehlt, das § 393 SGB V für Gesundheitsdaten in der Cloud verlangt, und weil sich eine Verpflichtungserklärung nach § 203 StGB nicht vorlegen lässt.
07Welche Pflichten löst ein KI-Arztbrief-Werkzeug im AI Act aus?
Das hängt an der Zweckbestimmung. Reine Formulierungs-Assistenz ohne klinische Entscheidungsunterstützung ist geringes Risiko, dort greift Art. 26 nicht, und was bleibt, ist die Bemühungspflicht nach Art. 4. Sobald ein Werkzeug inhaltliche Schlussfolgerungen einbringt, also Kodiervorschläge oder Therapieempfehlungen, ist zuerst die Medizinprodukte-Frage nach Regel 11 MDR zu klären. Fällt das Werkzeug darunter und wird es CE-zertifiziert, ist es über Art. 6 Abs. 1 in Verbindung mit Anhang I Hochrisiko-KI, und die Betreiberpflichten des Art. 26 gelten ab dem 2. August 2028. Anhang III ist hier der falsche Anker, er erfasst eigenständige Anwendungsfälle wie die Notfalltriage und nicht die Dokumentation. Eine Grundrechte-Folgenabschätzung nach Art. 27 fällt auf der Anhang-I-Route nicht an, weil die Vorschrift nur an Art. 6 Abs. 2 anknüpft.
08Wie setze ich KI-Arztbriefe rechtssicher in meiner Praxis auf?
In vier Schritten. Erstens die Zweckbestimmung des Werkzeugs und die daraus folgende Einstufung dokumentieren. Zweitens beim Anbieter C5-Testat und Verpflichtungserklärung nach § 203 StGB anfordern und Auftragsverarbeitungsvertrag, Datenschutz-Folgenabschätzung und Ihren Review-Prozess festlegen. Drittens die Maßnahmen nach Art. 4 EU AI Act aufsetzen, speziell zu Halluzinationen und Review-Verhalten. Viertens eine stichprobenartige Qualitätskontrolle institutionalisieren, damit die Prüfung dokumentiert ist.
Vertiefung zu einzelnen Fragen.
Arztbrief-Werkzeug einführen.
In der KI-Einführung für den Arztbrief wähle ich mit Ihnen unter zwei oder drei Anbietern aus, sichte deren Unterlagen vor der Unterschrift, lege die Regeln für Entwurf und Freigabe fest und begleite den Praxistest bis in den Regelbetrieb. Festpreis, in der Einzelpraxis meist 2.500 bis 5.000 € netto.
Daniel Kleiboldt
Legal Engineer · Jurist, LL.M., Software Engineer
Berät Praxen, MVZ und Kliniken zu EU AI Act, DSGVO und Haftungsfragen beim KI-Einsatz. Lehrauftrag an der Hochschule Neu-Ulm (HNU).