„Auf LinkedIn läuft die KI-Woche, im Büro drucken wir Excel aus.“
Gespräch mit Tamara Stenger (Referentin Budgetmanagement) über KI im Klinikalltag: die Lücke zur öffentlichen Debatte, Schatten-KI, § 201 StGB bei Gesprächsprotokollen und menschliche Kontrolle.

- 01Zwischen der öffentlichen KI-Debatte und dem Arbeitsalltag in der Krankenhausverwaltung liegt eine deutliche Lücke. Ein erheblicher Teil der Arbeit läuft weiter manuell und tabellenbasiert.
- 02Wo eine Einrichtung keine freigegebene Lösung bereitstellt, entsteht Schatten-KI. Ein Verbot allein löst das nicht, es braucht eine sichere und praxistaugliche Alternative.
- 03Ein System, das Gespräche mitschreibt, setzt eine saubere rechtliche Vorbereitung voraus. § 201 StGB schützt das nichtöffentlich gesprochene Wort, und die Beteiligten sind vorher zu informieren.
- 04Bei der Einführung im Behandlungszimmer entscheidet die Form der Information. Verständlich erklären und die ausführliche Fassung zum Nachlesen bereithalten, statt den Rechtstext vorzulesen.
- 05Klare Verantwortlichkeiten, transparente Prozesse und menschliche Kontrolle sind die Bedingung des KI-Einsatzes. Die Verantwortung darf nicht an ein System abgegeben werden.
Tamara Stenger hat viele Jahre als Gesundheits- und Krankenpflegerin auf der kardiochirurgischen Intensivstation des Deutschen Herzzentrums der Charité gearbeitet, berufsbegleitend Betriebswirtschaft studiert und sitzt heute als Referentin für Budgetmanagement bei einem großen Klinikkonzern in Budgetverhandlungen mit den Krankenkassen.
Ich bin Jurist, LL.M., Software Engineer und berate Arztpraxen, MVZ und Entwickler dazu, wie sich KI rechtssicher im Versorgungsalltag betreiben lässt. Kennengelernt haben wir uns auf LinkedIn, wo wir beide versuchen, komplexe Systeme in verständliche Sprache zu übersetzen. Eigentlich wollte ich von ihr wissen, wie Kliniken die Anschaffung von KI-Systemen kalkulieren. Ihre erste Antwort war, dass KI in ihrem eigenen Arbeitsbereich bislang kaum eine Rolle spielt. Daraus ist ein Gespräch über den Kontrast zwischen Hype und Klinikalltag entstanden.
Zwei Perspektiven auf denselben Apparat
Daniel Kleiboldt: Tamara, du hast jahrelang auf der Intensivstation gearbeitet und sitzt heute auf der anderen Seite des Verhandlungstisches mit den Kassen. Warum erklärst du diese Welt zusätzlich auf LinkedIn?
Tamara Stenger: Weil sich fast alle über unser Gesundheitssystem beschweren, aber kaum jemand weiß, wie es hinter den Kulissen funktioniert. Viele wissen nicht einmal, dass Krankenhausbudgets regelmäßig mit den Krankenkassen verhandelt werden. Ich kenne beide Seiten wie den Schichtdienst am Patientenbett und die Verhandlungen um Millionenbudgets.
Wer nur Gesetzestexte und Finanzierungsformeln teilt, erreicht vor allem Menschen, die sich ohnehin intensiv mit diesen Themen beschäftigen. Mir geht es auch um diejenigen, die täglich in diesem System arbeiten oder davon abhängig sind. Das mache ich als Privatperson und aus meiner persönlichen fachlichen Perspektive, unabhängig von meinem Arbeitgeber.
Daniel: Du hast auf deinem Profil gerade eine KI-Woche hinter dir. Wie viel davon ist in deinem Büroalltag in der Klinik angekommen?
Tamara: Im operativen Alltag erstaunlich wenig. Während meiner Zeit auf der Intensivstation war KI für meinen Arbeitsalltag noch kein relevantes Thema und auch heute spielt sie in meinem eigenen Bereich der Krankenhausfinanzierung bislang kaum eine Rolle.
In einzelnen klinischen und administrativen Bereichen des Gesundheitswesens gibt es inzwischen Anwendungen und Pilotansätze.
Aus dem bundesweiten Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Kliniken kenne ich viele ähnliche Erfahrungen. Ein erheblicher Teil der Arbeit läuft weiterhin manuell und tabellenbasiert. Zwischen dem, was wir öffentlich über KI diskutieren, und dem tatsächlichen Arbeitsalltag in vielen Krankenhäusern liegt aus meiner Sicht noch eine deutliche Lücke.
Das Protokoll in der Budgetverhandlung
Daniel: Wenn du morgen ein einziges Werkzeug einführen dürftest, an welcher Stelle würdest du ansetzen?
Tamara: Direkt bei der Dokumentation von Budgetverhandlungen. Solche Gespräche werden heute vielfach noch sehr klassisch dokumentiert. Unterschiedliche Mitschriften müssen anschließend ausgewertet und miteinander abgeglichen werden.
Eine KI-gestützte Lösung könnte bei entsprechender rechtlicher und datenschutzrechtlicher Ausgestaltung Gespräche strukturiert, zeitlich nachvollziehbar und den jeweiligen Sprecherinnen und Sprechern zugeordnet dokumentieren.
Aussagen, Positionen und Vereinbarungen könnten dadurch später leichter nachvollzogen werden. Das könnte erheblichen Aufwand bei Nachbereitung und Abstimmung reduzieren.
Daniel: Ein solches System kann Zeit sparen, verlangt aber eine saubere rechtliche Vorbereitung. § 201 StGB schützt das nichtöffentlich gesprochene Wort und erfasst insbesondere unbefugte Tonaufnahmen.
Deshalb muss vor dem Einsatz eines Systems, das Sprache aufzeichnet oder verarbeitet, genau geklärt werden, wie es technisch funktioniert und auf welcher rechtlichen Grundlage es eingesetzt wird. Die vorherige transparente Information und, soweit erforderlich, die Einwilligung aller Beteiligten ist dabei ein zentraler Punkt.
Schatten-KI statt Freigabeprozess
Daniel: Wer entscheidet in einem großen Klinikkonzern eigentlich darüber, ob solche Systeme beschafft werden?
Tamara: In einem großen Klinikkonzern sind an solchen Entscheidungen naturgemäß mehrere Bereiche beteiligt. Medizinische, technische, datenschutzrechtliche und kaufmännische Anforderungen müssen zusammengebracht werden.
Gerade bei Software, die an vielen Standorten oder in sensiblen Versorgungsbereichen eingesetzt werden soll, können solche Entscheidungsprozesse entsprechend Zeit benötigen.
Das zeigt aus meiner Sicht ein grundsätzliches Problem. Die technische Entwicklung ist teilweise schneller als die Strukturen, die über ihren Einsatz entscheiden müssen.
Daniel: Wenn Einrichtungen keine geeigneten Lösungen bereitstellen, kann Schatten-KI entstehen. Mir berichten kaufmännische Leitungen beispielsweise davon, dass Mitarbeitende frei zugängliche Sprachmodelle nutzen möchten oder bereits nutzen, obwohl solche Anwendungen nicht für den Umgang mit sensiblen Daten freigegeben sind.
Ein reines Verbot löst dieses Problem aus meiner Sicht nicht. Einrichtungen brauchen sichere und praxistaugliche Alternativen.
Tamara: Dieses Spannungsfeld halte ich für sehr real. Wenn Einrichtungen keine praxistauglichen Lösungen anbieten, besteht die Gefahr, dass Mitarbeitende entweder bei alten Prozessen bleiben oder nach eigenen Lösungen suchen.
Deshalb muss man den Teams konkret zeigen, welche Arbeitszeit durch neue Technologien eingespart werden kann und wofür diese Zeit anschließend zur Verfügung steht.
Gerade im Gesundheitswesen ist das entscheidend. Niemand möchte unnötig Stunden mit Dokumentation verbringen, wenn diese Zeit stattdessen für Patientinnen und Patienten oder für Angehörigengespräche genutzt werden könnte.
Die Akzeptanzfalle im Behandlungszimmer
Daniel: Viele Einrichtungen scheitern allerdings schon an der praktischen Einführung. Ich kenne beispielsweise Fälle, in denen Patientinnen und Patienten vor dem Einsatz eines Ambient-Scribing-Systems mit umfangreichen rechtlichen Informationen konfrontiert wurden und daraufhin skeptisch reagierten.
Transparenz ist unverzichtbar. Gleichzeitig müssen Informationen so vermittelt werden, dass Menschen verstehen, was mit ihren Daten passiert und wozu ein System eingesetzt wird. Gute Compliance und verständliche Kommunikation dürfen kein Gegensatz sein.
Tamara: Im Krankenhausbetrieb herrscht große Vorsicht, weil Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte berufsrechtlich und haftungsrechtlich eine hohe Verantwortung tragen. Entsprechend groß ist das Bedürfnis nach rechtlicher und organisatorischer Sicherheit.
Trotzdem dürfen wir uns vor der Technik nicht verschließen. KI verstehe ich als Assistenten und Werkzeug, das medizinisches und professionelles Handeln unterstützt, nicht als Ersatz für die Menschen, die Verantwortung tragen.
Werden solche Werkzeuge sinnvoll, sicher und verständlich in den Alltag integriert, können sie Beschäftigte entlasten und ihnen mehr Zeit für die Aufgaben geben, für die menschliche Erfahrung und Kommunikation unverzichtbar sind.
KI braucht Verantwortung
Daniel: Gleichzeitig entwickelt sich KI derzeit enorm schnell. Wo siehst du dabei die Grenze?
Tamara: Gerade weil die Entwicklung so schnell ist, dürfen wir KI nicht unkritisch einsetzen. Im Gesundheitswesen geht es um sensible Daten, medizinische Entscheidungen und letztlich um Menschen. Deshalb braucht es klare Verantwortlichkeiten, transparente Prozesse und eine menschliche Kontrolle. KI kann unterstützen, Muster erkennen und Arbeit erleichtern, aber die Verantwortung darf am Ende nicht an ein System abgegeben werden. Für mich ist deshalb nicht die Frage, ob wir KI nutzen, sondern wie wir sie sicher und verantwortungsvoll in den Alltag integrieren.
Zur Gesprächspartnerin
Tamara Stenger ist Referentin Budgetmanagement bei einem großen Klinikkonzern. Davor war sie Gesundheits- und Krankenpflegerin, unter anderem auf der kardiochirurgischen Intensivstation des Deutschen Herzzentrums der Charité, und hat berufsbegleitend Betriebswirtschaft studiert. Auf LinkedIn erklärt sie Krankenhausfinanzierung, Budgetverhandlungen, KI und Leadership aus ihrer persönlichen fachlichen Perspektive.
Tamara Stenger äußert sich in diesem Interview ausschließlich als Privatperson. Ihre Aussagen geben ihre persönliche fachliche Meinung und nicht die Position ihres Arbeitgebers wieder. Vertrauliche betriebliche Informationen, interne Entscheidungsstrukturen sowie konkrete Verhandlungs- oder Vertragsinhalte sind nicht Gegenstand des Gesprächs.
Das Gespräch führte Daniel Kleiboldt im September 2026.
Daniel Kleiboldt
Legal Engineer · Jurist, LL.M., Software Engineer
Berät Arztpraxen und MVZ zu EU AI Act, DSGVO und Haftungsfragen beim KI-Einsatz. Lehrauftrag an der Hochschule Neu-Ulm (HNU).