„Die Verantwortung bleibt jedoch immer in der Praxis“
Daniel Kleiboldt — Legal Engineer
Auf einen Blick
- 01Werbeversprechen wie „DSGVO-konform“ oder „AI-Act-ready“ beziehen sich auf das Produkt. Die rechtmäßige Nutzung verantwortet die Praxis selbst.
- 02Im Ernstfall haftet gegenüber Patient und Aufsichtsbehörde zunächst die Praxis, nicht der Anbieter.
- 03Ein datenschutzkonformes Werkzeug kann durch falsche Anwendung zum Risiko werden. Entscheidend sind Einsatzkontext, verarbeitete Daten und organisatorische Maßnahmen.
- 04Digitalisierung ist ein Veränderungsprozess. Fahrplan, Budget und Teameinbindung stehen vor der Tool-Auswahl.
- 05Sensibilisierung und Spezialistenwissen sind zwei Stufen. Der Spezialist wird gebraucht, sobald es um die konkrete Umsetzung geht.

Andrea und Hugo Teister
Gründer von Campus PraxisPlus. Über 25 Jahre eigene Zahnarztpraxis, 2024 verkauft. Heute geben sie ihre Erfahrung aus Praxisführung, Wirtschaftlichkeit und Digitalisierung an Kolleginnen und Kollegen weiter.
Andrea und Hugo Teister haben ihre Praxis nicht aus Erschöpfung verkauft, sondern nach einer Begehung, bei der ihnen klar wurde, wie sehr sich die Rahmenbedingungen verschoben hatten. Was danach kam, war kein Ruhestand, sondern eine Akademie. Mich hat an ihrem Weg interessiert, was sie über den Markt gelernt haben, in dem sie selbst über zwei Jahrzehnte Kundin und Kunde waren, und warum sie ausgerechnet bei Werbeversprechen wie „DSGVO-konform“ hellhörig geworden sind.
Es gab einen konkreten Moment, an dem für euch klar war, wir verkaufen die Praxis. Wie sah dieser Moment aus?
Unsere Praxis bestand damals neben Hugo als Inhaber aus zwei angestellten Zahnärzten, acht Mitarbeiterinnen und einem Zahntechniker. Über viele Jahre lief sie sehr erfolgreich. Doch nach Corona wurde die Situation zunehmend belastender. Die Kosten sind massiv angestiegen, qualifiziertes Personal war immer schwerer zu finden, und gleichzeitig haben Bürokratie und regulatorische Anforderungen zugenommen.
Der entscheidende Moment kam Anfang 2024 im Rahmen einer Praxisbegehung. Die Vielzahl neuer Auflagen hat uns vor Augen geführt, wie sehr sich die Rahmenbedingungen im medizinischen Bereich verändert, teilweise verschlechtert hatten. Auf dem Heimweg haben wir uns erstmals gefragt, ob wir diesen Weg in den kommenden Jahren wirklich weitergehen wollten.
Letztlich war es nicht ein einzelnes Ereignis, sondern die Summe vieler Entwicklungen, die uns an einen Punkt gebracht hat, an dem die Freude an der eigenen Praxis immer mehr von Verantwortung, Druck und Belastung überlagert wurde. Da wurde uns klar, dass es Zeit für einen neuen beruflichen Abschnitt war. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Nach dem Verkauf wart ihr unterwegs, Namibia, Südafrika, Vietnam, Hongkong. Warum seid ihr nicht im Ruhestand geblieben, sondern habt eine Akademie gegründet?
Es gab tatsächlich mehrere Gründe. Zum einen waren wir unser gesamtes Berufsleben selbstständig. Nach mehr als 25 Jahren Unternehmertum von heute auf morgen in den Ruhestand zu wechseln, konnten wir uns nur schwer vorstellen. Zum anderen fühlen wir uns mit Mitte 50 noch zu jung, um uns ausschließlich dem Rentnerleben zu widmen. Unsere Reisen waren großartig, haben uns aber auch gezeigt, dass wir weiterhin gestalten und etwas bewegen möchten.
Der wichtigste Grund war jedoch ein anderer. In über 25 Jahren eigener Praxistätigkeit haben wir unzählige Erfahrungen gesammelt, insbesondere rund um Praxisführung, Wirtschaftlichkeit, Digitalisierung und die Herausforderungen des Praxisalltags. Dieses Wissen möchten wir heute an Kolleginnen und Kollegen weitergeben. Gerade weil die Digitalisierung im Gesundheitswesen aktuell so viele Chancen, aber auch Unsicherheiten mit sich bringt, sehen wir hier einen großen Bedarf an unabhängiger, praxisnaher Orientierung.
Im Markt versprechen viele Anbieter „DSGVO-konform“, „compliant“, „rechtssicher“. Wo hat euch das am stärksten geärgert?
Geärgert hat uns weniger die Aussage selbst als die Tatsache, dass viele Praxisinhaberinnen und Praxisinhaber dadurch in einer trügerischen Sicherheit gewiegt werden. Begriffe wie „DSGVO-konform“, „rechtssicher“ oder „AI-Act-ready“ klingen zunächst beruhigend. Die Verantwortung bleibt jedoch immer in der Praxis.
In Gesprächen haben wir häufig erlebt, dass Praxen davon ausgehen, ein Produkt sei automatisch datenschutzkonform oder rechtlich unbedenklich, nur weil es so beworben wird. Die Realität ist meist deutlich komplexer. Es kommt darauf an, wie eine Lösung eingesetzt wird, welche Daten verarbeitet werden und welche organisatorischen Maßnahmen in der Praxis getroffen werden.
Genau deshalb verfolgen wir mit Campus PraxisPlus einen herstellerneutralen Ansatz. Wir wollen nicht Produkte bewerten oder verkaufen, sondern Praxen dabei unterstützen, die richtigen Fragen zu stellen und fundierte Entscheidungen zu treffen.
Zum Verständnis · wofür der Anbieter einsteht, wofür die Praxis
Das leistet das Produkt
Technische und organisatorische Maßnahmen des Herstellers, Auftragsverarbeitung, Serverstandort, Verschlüsselung, Zweckbestimmung und Begleitdokumentation. Ein Werbeversprechen bezieht sich immer nur auf diesen Teil.
Das bleibt bei der Praxis
Die Rechtsgrundlage der Verarbeitung, die Patienteninformation, die Auswahl und Konfiguration des Tools, die KI-Kompetenz des Teams nach Art. 4 AI Act und die menschliche Aufsicht über jeden Output.
Andrea, du hattest mir erzählt, dass du in Anbieter-Calls als Frau anders behandelt wirst. „Frau Teister, machen Sie sich da mal keine Sorgen.“ Was hast du daraus mitgenommen?
Andrea Teister: Ja, solche Situationen gab es tatsächlich. Da fallen dann Sätze wie „Frau Teister, machen Sie sich da mal keine Sorgen“. Früher hätte mich das vielleicht geärgert, heute lächle ich darüber und denke mir meinen Teil.
Was ich daraus gelernt habe, ist, dass es nie eine gute Idee ist, Menschen aufgrund ihres Geschlechts, Alters oder ihrer Rolle im Unternehmen zu unterschätzen. Gerade Frauen bringen häufig eine andere Perspektive mit, stellen kritische Fragen und hinterfragen Zusammenhänge, die andere vielleicht übersehen.
Deshalb lautet meine Empfehlung, weniger zu erklären und mehr zuzuhören. Das führt meist zu den besseren Gesprächen und oft auch zu den besseren Entscheidungen.
Weniger erklären, mehr zuhören. Das führt meist zu den besseren Gesprächen und oft auch zu den besseren Entscheidungen.
Andrea Teister
Hugo, du hast deine Praxis selbst digitalisiert, zwischen Tür und Angel, mit allem was dazugehört. Was wäre dein wichtigster Rat an einen Praxisinhaber, der das jetzt vor sich hat?
Hugo Teister: Mein wichtigster Rat ist, nicht einfach anzufangen, sondern zuerst einen klaren Fahrplan zu entwickeln. Digitalisierung ist kein Softwareprojekt, sondern ein Veränderungsprozess. Dabei sollten Zeit, Budget, Prioritäten und die passenden Tools von Anfang an berücksichtigt werden.
Mindestens genauso wichtig ist es, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter frühzeitig einzubeziehen. Wer sein Team mitnimmt, offen kommuniziert und ausreichend schult, erhöht die Akzeptanz und vermeidet sehr viele Probleme im späteren Ablauf.
Und wenn ich heute noch einmal vor derselben Aufgabe stünde, würde ich mir vermutlich frühzeitig einen erfahrenen Berater an die Seite holen. Das Honorar dafür erscheint zunächst wie ein zusätzlicher Kostenfaktor. Die Kosten einer schlecht geplanten oder gescheiterten Einführung sind jedoch meist deutlich höher, finanziell, organisatorisch und menschlich.
01
Erst der Fahrplan
Zeit, Budget, Prioritäten und Tool-Auswahl stehen vor dem ersten Login.
02
Team früh einbinden
Offen kommunizieren und ausreichend schulen hebt die Akzeptanz.
03
Begleitung einrechnen
Das Honorar wirkt wie ein Kostenfaktor, die gescheiterte Einführung kostet mehr.
Aus dem Gespräch, Hugo Teisters Rat an Praxisinhaber vor der Digitalisierung.
Anbieter sagen, wir sind DSGVO-konform, Ärzte denken, dann bin ich safe. Wo liegt aus eurer Sicht der Denkfehler?
Der Denkfehler liegt darin, dass viele Praxen den Anbietern Glauben schenken und annehmen, die Verantwortung liege beim Anbieter. Dem ist aber nicht so. Auch wenn ein Anbieter sein Produkt als „DSGVO-konform“ oder „rechtssicher“ bewirbt, bleibt die Praxis für die rechtmäßige Nutzung verantwortlich.
Entscheidend ist nicht nur die Software selbst, sondern auch, wie sie eingesetzt wird, welche Daten verarbeitet werden und welche organisatorischen Maßnahmen in der Praxis getroffen werden. Ein datenschutzkonformes Werkzeug kann durch eine falsche Anwendung schnell zum Risiko werden.
Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Aspekt. Im Ernstfall haftet nicht der Anbieter gegenüber dem Patienten oder der Aufsichtsbehörde, sondern zunächst die Praxis. Deshalb sollten Praxisinhaber nicht nur fragen, was ein Produkt verspricht, sondern auch verstehen, welche Pflichten und Risiken sie selbst als Betreiber tragen.
Ihr versteht Campus PraxisPlus als Sensibilisierer, nicht als Tiefen-Anbieter. Wann ist der Punkt erreicht, an dem ein Praxisinhaber zusätzlich einen Spezialisten braucht?
Wir sehen Campus PraxisPlus als Wegweiser. In unserer eigenen Praxis haben wir oft erlebt, dass es gar nicht darum ging, sofort jede Vorschrift oder jedes technische Detail zu kennen. Viel wichtiger war zunächst zu verstehen, worauf man überhaupt achten muss und wo mögliche Risiken liegen.
Ein Spezialist wird aus unserer Sicht immer dann wichtig, wenn es um die konkrete Umsetzung geht, also beispielsweise bei tiefer gehenden rechtlichen Fragestellungen, Datenschutzthemen, IT-Sicherheit oder größeren Digitalisierungsprojekten.
Unser Ziel ist es, Kolleginnen und Kollegen in die Lage zu versetzen, die richtigen Fragen zu stellen, Angebote besser einzuordnen und gute Entscheidungen zu treffen. Wenn daraus die Erkenntnis entsteht, dass an einer bestimmten Stelle ein Spezialist benötigt wird, dann haben wir bereits viel erreicht.
Wenn ihr fünf Jahre nach vorne schaut, welche Praxen werden noch da sein, welche nicht?
Wenn wir fünf Jahre nach vorne schauen, glauben wir, dass vor allem die Praxen erfolgreich sein werden, die offen für Veränderungen bleiben und die Chancen der Digitalisierung gezielt nutzen. Nicht, weil Digitalisierung ein Selbstzweck ist, sondern weil sie dabei helfen kann, den steigenden Herausforderungen im Praxisalltag zu begegnen.
Der Fachkräftemangel, steigende Kosten und die zunehmende Bürokratie werden viele Praxen weiterhin stark belasten. Wer Prozesse effizient gestaltet, sein Team entlastet und digitale Möglichkeiten sinnvoll einsetzt, wird hier klare Vorteile haben.
Das bedeutet nicht, dass jede Praxis hochdigitalisiert sein muss. Aber wir sind überzeugt, dass Praxen, die notwendige Veränderungen dauerhaft ignorieren, es zunehmend schwer haben werden, wirtschaftlich erfolgreich und als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben.
Was mir an diesem Gespräch hängen bleibt, ist der Blickwinkel. Andrea und Hugo Teister argumentieren nicht aus der Regulierung heraus, sondern aus 25 Jahren Praxisverantwortung. Sie kommen trotzdem an derselben Stelle an, an der ich täglich arbeite. Das Werbeversprechen des Anbieters endet dort, wo die eigene Nutzung beginnt. Wer das einmal verstanden hat, kauft anders ein, und was dann noch offen bleibt, lässt sich in aller Ruhe klären. Mehr dazu in meinem Beitrag zu den Betreiberpflichten nach dem AI Act.

Andrea und Hugo Teister haben über 25 Jahre eine zahnärztliche Praxis geführt und sie 2024 verkauft. Mit Campus PraxisPlus geben sie ihre Erfahrung aus Praxisführung, Wirtschaftlichkeit und Digitalisierung herstellerneutral an Praxisteams weiter.
Das Interview führte Daniel Kleiboldt im Juni 2026.
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