Kleiboldt Legal EngineeringKleiboldtLegal EngineeringErstgespräch

> Doppelinterview

Stadt, Land, Unterschrift

Ein Hausarzt in München, einer im Nordschwarzwald, dieselben neun Fragen zur KI, getrennt beantwortet. Beim Telefon liegen die beiden weit auseinander. Bei der Frage, wer am Ende unterschreibt, passt kein Blatt zwischen sie.

Von Daniel Kleiboldt
1. Oktober 2026 · Lesezeit 17 Min.

Ahmad Sirfy
Ahmad SirfyHausarzt in München
Wolfgang von Meißner
Wolfgang von MeißnerHausarzt in Baiersbronn

Stadt gegen Land, so war dieser Beitrag geplant. Eine Hausarztpraxis in München, in deren Umkreis von fünf Kilometern nach Einschätzung ihres Inhabers hundert Hausärztinnen und Hausärzte praktizieren, und eine Praxisgemeinschaft in Baiersbronn, einer der flächengrößten Gemeinden Baden-Württembergs. Zwei Bundesländer, zwei Hausarztverträge.

Dr. Ahmad Sirfy und Prof. Wolfgang von Meißner kennen sich gut. Beide haben dieselben neun Fragen schriftlich beantwortet, ohne die Antworten des anderen zu kennen. Dort, wo ich den größten Abstand erwartet hatte, schreiben sie fast dasselbe. Wo er tatsächlich liegt, sagen sie am Schluss selbst.

Offenlegung Ich arbeite mit Arztpraxen und mit Softwareanbietern. Auf beide Gesprächspartner hat mich der Gründer eines Anbieters von KI-Telefonassistenten aufmerksam gemacht, mit dem ich zusammenarbeite und mit dem auch beide Praxen in Kontakt stehen; angesprochen habe ich beide selbst, im Text kommt er nicht vor. Ahmad Sirfy baut derzeit eine Beratung für die Digitalisierung von Arztpraxen auf. Wolfgang von Meißner gehört der Arbeitsgruppe an, die den HÄPPI-Vertrag in Baden-Württemberg fachlich vorbereitet; an den Verhandlungen mit der AOK ist er nicht beteiligt. Er hat außerdem ein Startup für Praxissoftware mitgegründet, mit dem die Praxis inzwischen getrennte Wege geht.

SmartPraxis, München
München SmartPraxis
Hausärzte am Spritzenhaus, Baiersbronn
Baiersbronn Hausärzte am Spritzenhaus
Die beiden Praxen in Zahlen
MünchenBaiersbronn
PraxisSmartPraxis
Dr. med. Ahmad Sirfy, Facharzt für Allgemeinmedizin.
Hausärzte am Spritzenhaus
Prof. Dr. med. Wolfgang C. G. von Meißner, MHBA, Facharzt für Allgemeinmedizin und für Anästhesiologie.
LageStadtlage, ein Standortländliche Region im Nordschwarzwald, ein Standort
Teamvier Fachärztinnen und Fachärzte, drei davon in Teilzeit, zwei Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung, vier MFA, darunter eine Physician Assistant und eine Primary Care Managerin, dazu Kundenservice und Praxismanagementacht Ärztinnen und Ärzte auf 3,6 ärztlichen Vollzeitstellen (2019 noch 7,0), zwei Physician Assistants, zwölf MFA
Fällerund 3.600 GKV-Scheine und etwa 1.200 Privatpatienten im Quartalmehr als 6.500 Fälle im Quartal (2019 über 5.000), Präsenzkontakte je Tag seit 2019 von 300 auf 150 halbiert
Umfeldim Umkreis von fünf Kilometern nach seiner Einschätzung 100 Hausärztinnen und Hausärzteim Umkreis von fünf Kilometern zwei hausärztliche Einzelpraxen und ein MVZ
TermineWartezeit auf einen Routinetermin in der Regel nicht länger als einen TagWartezeit auf einen Routinetermin in der Regel wenige Tage
KI im EinsatzTelefonassistenz seit rund sieben Jahren, anfangs regelbasiert; Dokumentationsassistenz mit KI seit 2022KI in Anrufannahme, Routing und Dokumentenerfassung, KI-Scribe seit rund eineinhalb Jahren
Angaben der beiden Praxen, Stand September 2026.

01Der Montag, der bis Dienstag dauert

Daniel Kleiboldt

Welches Problem hat euch dazu gebracht, euch zum ersten Mal ein KI-Werkzeug anzusehen? Mich interessiert der Engpass und nicht das Werkzeug, am liebsten so, wie er an einem normalen Dienstagvormittag um zehn zu merken ist.

Ahmad SirfyMünchen

Eine Vorbemerkung, weil sie sonst in jeder einzelnen Antwort mitschwingt: Wir machen hier nicht digital um jeden Preis. Ein digitaler Prozess ist nicht automatisch ein guter Prozess. Wir arbeiten hybrid – aus der Ferne, wo Präsenz medizinisch nichts bringt, und in der Praxis, wo untersucht, diagnostiziert oder gesprochen werden muss.

Der Engpass war nie die Medizin. Es war das, was davor lag. Montagvormittag um 9 klingelt das Telefon, gleichzeitig steht jemand mit einem Rezeptwunsch an der Anmeldung, gleichzeitig will jemand einchecken.

Als ich die eigene Praxis übernommen habe, habe ich zuerst gemessen: Wie viel Zeit geht in die Behandlung, wie viel in Rezepte, Berichte, Anmeldung, Abrechnung. Erst danach kam die Frage nach Werkzeugen. Am Telefon lief da schon etwas, aber regelbasiert. Die erste echte KI kam bei uns in die Dokumentation.

Wolfgang von MeißnerBaiersbronn

Unser Problem war nicht zu wenig Telefon, sondern zu viele Warteschlangen, Dashboards und Second Screens. Telefon, E-Mail, Fax, Online-Rezeption über die Website, App-Chat und später Voicebot erzeugten parallele Eingänge. Montags hatten wir zeitweise mehr als 1.000 Anrufversuche – und am Dienstagvormittag um zehn war das Team noch damit beschäftigt, Kommunikation zu sortieren, statt Patienten zu versorgen.

Wir hatten kein »Engagementproblem«, sondern ein Architekturproblem. Aus vielen Eingangskanälen musste ein gemeinsames differenziertes Ticketsystem mit Rollen, Rechten und Funktionen werden.

„Ein schlechter Prozess wird durch KI schließlich nicht besser – er wird nur schneller schlecht.“

Wolfgang von Meißner, Baiersbronn

02Was der Telefonassistent können muss

Daniel Kleiboldt

Ahmad, was müsste ein Telefonassistent können, damit du ihn scharf schaltest? Am liebsten die drei Punkte, an denen es heute scheitert.

Ahmad SirfyMünchen

Eine Korrektur vorweg: Ein Telefonassistent läuft bei uns schon, mit Unterbrechungen seit rund sieben Jahren. Die ersten Systeme waren regelbasiert, KI ist da erst in den letzten Jahren dazugekommen. Termine lassen sich darüber buchen. Zentraler Zugang ist er trotzdem nicht, sondern ein ergänzender Kanal – genutzt vor allem von älteren Patienten, die meisten buchen inzwischen online.

Drei Punkte, an denen es heute hängt:

Erstens die Anbindung an die Praxis. Die funktioniert bisher nur marginal gut. Was dabei herauskommt, sieht man an den Terminen, die über den Assistenten gebucht werden: Da kommen auffällig relativ viele Patienten nicht.

Zweitens muss er ein Anliegen zu Ende bringen. Nimm einen Rezeptwunsch. Der Patient muss identifiziert werden, das Anliegen richtig eingeordnet, und der Prozess muss zuverlässig an der richtigen Stelle weiterlaufen. Wenn am Ende nur eine neue Aufgabe für mein Team herauskommt, habe ich nichts gewonnen. Dann ist die Arbeit verschoben und nicht erledigt.

Drittens die Verlässlichkeit. Die Halluzinationen müssen gegen null gehen, und medizinische Dringlichkeit muss er zuverlässig erkennen und an einen Menschen übergeben. Der Assistent spricht in meinem Namen mit meinen Patienten. Ich will nicht, dass er dabei beliebig redet.

Die Systeme werden besser, der KI-Schub der letzten Jahre macht Dinge möglich, die vor sieben Jahren nicht gingen. An diesem Punkt sind sie aber noch nicht.

„Wenn am Ende nur eine neue Aufgabe für mein Team herauskommt, habe ich nichts gewonnen.“

Ahmad Sirfy, München

Daniel Kleiboldt

Wolfgang, was musste erfüllt sein, bevor ihr die KI-gestützte Anrufannahme scharf geschaltet habt, und was davon habt ihr euch selbst gebaut, weil es niemand mitgeliefert hat?

Wolfgang von MeißnerBaiersbronn

Bevor wir eine KI-gestützte Anrufannahme wirklich in den Versorgungsprozess genommen haben, mussten drei Dinge stehen: ein gemeinsamer digitaler Eingang, klare Zuständigkeiten und definierte Eskalationswege zum Menschen beziehungsweise zum Arzt. Entscheidend war außerdem, dass kein Anruf in einem KI-Silo endet, sondern als strukturierter Arbeitsauftrag im normalen Praxisprozess ankommt.

Was uns niemand fertig geliefert hat, war deshalb gerade der wichtigste Teil, die Prozessarchitektur. Welche Anliegen gibt es überhaupt? Wer darf was bearbeiten? Wann wird eskaliert? Wann ist ein Fall erledigt? Und wann muss ein Arzt in den Loop? Gelöst haben wir das über ein Ticketsystem mit vorbereiteten Folgehandlungen.

Wenn ein Patient durch den KI-Bot eindeutig identifiziert ist, kann bei einer Rezeptbestellung in Echtzeit im PVS geprüft werden, ob das Medikament bestellbar ist, einschließlich Reichweitenprüfung und Quartalssystematik. Der Single Point of Truth liegt im PVS und basiert auf einem ärztlich kuratierten und freigegebenen Medikationsplan. Damit sind Interaktionsprüfung und AMTS-Modul durchlaufen, bevor ein Medikament automatisiert bestellbar ist. Medikationspläne können ausschließlich Ärztinnen und Ärzte freigeben. Sobald eine MFA oder ein Physician Assistant eine Änderung am Medikationsplan vornimmt, verschwindet die elektronische Freigabe.

Aktuell steigen wir auf »Conversational AI« um. Hier sind funktionierende Guardrails besonders wichtig. Die KI darf beispielsweise nicht ohne zusätzliche Absicherung Informationen aus der Patientenakte oder zu Terminen herausgeben. Dafür haben wir ein persönliches Kennwort vorgesehen, das Patienten zum Beispiel zu Hause am Kühlschrank aufbewahren können, so wie man es von Banken oder Telekommunikationsanbietern kennt.

Standard ist bei uns die Ende-zu-Ende-verschlüsselte Patienten-App. Für Patienten, die keine App nutzen können oder wollen, ist Conversational AI mit persönlichem Kennwort eine akzeptable Alternative, sozusagen die »letzte Meile der Digitalisierung«. Jeder Schritt, den die KI ausführt oder zur Entscheidung vorbereitet, muss dabei nachvollziehbar bleiben.

Ich glaube gar nicht, dass die interessante Frage ist, wie schnell man digitalisiert. Entscheidend ist, was vorher stabil genug sein muss, damit man Geschwindigkeit verantworten kann. Ein schlechter Prozess wird durch KI schließlich nicht besser – er wird nur schneller schlecht.

03Wer den Fall abschließt

Daniel Kleiboldt

Welche Entscheidung darf bei euch eine Software vorbereiten, aber nicht treffen? Und woran habt ihr diese Grenze festgemacht?

Ahmad SirfyMünchen

Vorbereiten ja. Entscheiden nein.

Die Dokumentationsassistenz schreibt mit und sucht parallel in den Leitlinien. Diagnose, Therapie und Überweisung entscheide ich. Bei Patienteninformationen ist es dasselbe: Was die KI in einfacher Sprache formuliert, lese ich vor der Ausgabe.

Festgemacht habe ich das an einer einfachen Frage. Muss ich es unterschreiben? Dann darf die Maschine es vorbereiten, aber nicht abschließen.

Wolfgang von MeißnerBaiersbronn

Eine Software darf bei uns erfassen, strukturieren, priorisieren, routen und eine Entscheidung vorbereiten. Die medizinische Letztentscheidung und insbesondere die Verantwortungsübernahme bleiben dort beim Menschen, wo ein Fall nicht durch einen vorher klar definierten deterministischen Prozess abgeschlossen werden kann.

Für mich ist deshalb inzwischen eine fast wichtigere Frage als »Wer behandelt?«: Wer schließt den Fall ab?

Dort liegen Verantwortung und Sicherheitsnetz – und dort liegt für mich auch ein wesentlicher Teil der Legitimation ärztlicher Vergütung. Genau dort entsteht das ärztliche Honorar.

04Die kleinen Korrekturen

Daniel Kleiboldt

Erzählt mir eine Situation, in der jemand im Team einen Vorschlag der Maschine korrigiert oder verworfen hat. Was war das, und woran ist es aufgefallen?

Wolfgang von MeißnerBaiersbronn

Das passiert laufend und ist ausdrücklich Teil des Systems. Die Maschine kann ein Anliegen formal korrekt einordnen, während MFA, PA oder Arzt aus dem Kontext erkennen, dass dieser Patient, diese Vorgeschichte oder diese Formulierung den Fall doch dringlicher macht oder den vorgesehenen Weg verändert.

Genau deshalb wollen wir keinen vollständig autonomen Prozess, sondern einen »Doctor in the Loop« – und davor häufig bereits einen sehr guten »MFA- oder PA-in-the-Loop«. Das beginnt manchmal schon bei scheinbar einfachen Dingen wie der Zuordnung eines Anliegens zum richtigen Patienten.

Interessant sind für mich übrigens weniger die spektakulären Fehlentscheidungen als diese kleinen Korrekturen. Dort sieht man am besten, wie viel Erfahrungs- und Kontextwissen im Team steckt, das in keinem Algorithmus vollständig abgebildet ist.

Ahmad SirfyMünchen

Einmal hat die Assistenz eine Abrechnungskombination vorbereitet, die so nicht zulässig war. Aufgefallen ist es bei der Prüfung vor der Freigabe, korrigiert haben wir es sofort.

Einen groben Fehler, der zu einer falschen medizinischen Entscheidung geführt hätte, kann ich dir nicht berichten. Den hatten wir nicht.

Was wir am Anfang hatten, waren falsch transkribierte oder missverstandene Passagen. Das kam regelmäßig vor, und gefunden haben wir es beim Lesen vor der Freigabe. Inzwischen ist das deutlich besser geworden, der Korrekturaufwand ist gering. Ärztlich kontrolliert wird die Dokumentation trotzdem, jedes Mal.

05Wer es trägt

Daniel Kleiboldt

Wer bei euch verbringt Zeit damit, dass diese Werkzeuge richtig laufen, und woher kommt diese Zeit? Was davon stand vorher in keiner Kalkulation, und was passiert, wenn diese Person zwei Wochen ausfällt?

Ahmad SirfyMünchen

Das tragen die Praxismanagerin und ich, unterstützt von externen Beratern. Die datenschutzrechtliche Seite begleitet ein Anwalt.

Dazu kommen die regelmäßigen Runden mit dem Team, in denen wir Prozesse durchgehen. Die stehen im Kalender, aber in keiner Kalkulation. Ebenso wenig kalkuliert war, dass jeder neue Patient einmal an die Abläufe herangeführt werden muss und dass wir nach jedem Update nachziehen.

Fällt diese Zeit zwei Wochen aus, läuft der Betrieb weiter. Die Weiterentwicklung steht still.

„Wenn der Prozess nach zwei Wochen Urlaub eines »Digitalbeauftragten« zusammenbricht, war er nicht wirklich digitalisiert, sondern lediglich personengebunden automatisiert.“

Wolfgang von Meißner, Baiersbronn

Wolfgang von MeißnerBaiersbronn

Solche Systeme laufen nicht von selbst. Bei uns investieren einzelne besonders versierte Mitarbeitende, vor allem mein Praxispartner Dr. med. Paul Blickle und ich, erheblich Zeit in Prozesse, Regeln, Fehlersuche, Schulung und die Rückkopplung mit den Anbietern. Dieser Aufwand stand am Anfang in keiner Softwarekalkulation und ist vermutlich wichtiger als manche Lizenzgebühr. Die Industriepartner profitieren erheblich von diesem Praxiswissen. Gesondert vergütet wird dieser Entwicklungsaufwand bislang allerdings nicht.

Die zweite Lehre lautet deshalb, dass Wissen nicht an einer Person hängen darf. Wenn der Prozess nach zwei Wochen Urlaub eines »Digitalbeauftragten« zusammenbricht, war er nicht wirklich digitalisiert, sondern lediglich personengebunden automatisiert.

06Was die Vergütung entscheidet

Daniel Kleiboldt

Ihr arbeitet in zwei Bundesländern mit verschiedenen Hausarztverträgen. Wo hat bei euch der Vertrags- und Vergütungsrahmen entschieden und nicht die Technik? Gern an einem Beispiel, bei dem ihr etwas gelassen oder gemacht habt, weil es sich sonst nicht getragen hätte.

Ahmad SirfyMünchen

Der größte Hebel ist für mich die Vergütungsstruktur. Hybride Versorgung funktioniert dann gut, wenn der voll vergütete Patientenkontakt nicht am Arzt hängt, sondern an der Praxis. Also Praxis-Patienten-Kontakt statt Arzt-Patienten-Kontakt.

Vieles von dem, was wir aus der Ferne erledigen, macht nämlich nicht der Arzt. Das läuft über die MFA, über den Kundenservice, über die App. Medizinisch ist das richtig so. In der Vergütung kommt es aber vor allem dann an, wenn der Arzt selbst im Kontakt ist. Damit entscheidet der Vergütungsrahmen mit, wie weit wir gehen können – und nicht die Technik.

Nach meinem Eindruck ist das im Hausarztvertrag in Baden-Württemberg besser gelöst. Beurteilen kann das Wolfgang, ich kenne nur die bayerische Seite.

Ein Beispiel in die andere Richtung ist der Onboarding-Termin. 30 Minuten für neue Patienten, auch für gesetzlich Versicherte. Das rechnet sich so nicht. Wir machen es trotzdem, weil wir den Aufwand später über weniger Verwaltung zurückbekommen. Das ist eine Entscheidung gegen die Kalkulation, nicht mit ihr.

Wolfgang von MeißnerBaiersbronn

In Baden-Württemberg hilft uns die HZV erheblich. Bei uns sind inzwischen mehr als 90 Prozent der Patienten in der hausarztzentrierten Versorgung. Mit HÄPPI kommt ein Vertragsrahmen hinzu, der interprofessionelle Versorgung und Delegation wesentlich besser abbilden kann.

Ein digital oder delegativ durch einen Physician Assistant gelöster Fall darf betriebswirtschaftlich nicht schlechter vergütet werden, nur weil kein zusätzlicher Arzt-Patienten-Kontakt notwendig wurde. Sonst belohnt das Vergütungssystem den ineffizienteren Prozess. Die Vergütung muss an die Verantwortungsübernahme durch den Arzt gekoppelt sein. Das gelingt in der HZV durch den Patienten-Praxis-Kontakt. Im Kollektivvertrag ist das mit dem klassischen Arzt-Patienten-Kontakt nicht abbildbar.

Ganz konkret haben wir massiv darauf hingewirkt, dass unser PVS-Hersteller zum Start von HÄPPI ein funktionierendes AMTS-Modul bereitstellt. Es ist eine zwingende Voraussetzung des HÄPPI-Vertrags.

Grundsätzlich ist das für mich ein unterschätzter Punkt. Digitalisierung skaliert nicht allein durch gute Software. Sie skaliert erst dann wirklich, wenn Organisations- und Vergütungslogik in dieselbe Richtung weisen.

07Was die Maschine sichtbar gemacht hat

Daniel Kleiboldt

Was habt ihr an euren eigenen Abläufen geändert, seit ihr mit solchen Werkzeugen arbeitet? Welche Lücke ist dabei erst durch die Maschine sichtbar geworden?

Ahmad SirfyMünchen

Wir bestellen Patienten fünf Minuten vor der eigentlichen Terminzeit ein. Das ist der Puffer für den Check-in, dadurch bleiben die Wartezeiten kurz. Die Anmeldung ist bei uns kein Nadelöhr mehr.

Der größere Umbau ist aber der hybride Zuschnitt. Was sich aus der Ferne erledigen lässt, erledigen wir aus der Ferne – elektronisch oder telefonisch.

Sichtbar geworden ist durch die Maschine vor allem eine Lücke bei uns selbst. Die Transkription ist ausführlicher als das, was wir früher eingetragen haben. Daran war zu sehen, wie viel aus einem Gespräch vorher gar nicht in der Akte gelandet ist. Falsch war unsere Dokumentation nicht. Aber sie war oft deutlich knapper als das, was tatsächlich besprochen wurde.

Wolfgang von MeißnerBaiersbronn

Wir haben nicht einfach KI auf bestehende Abläufe gesetzt, sondern unsere Abläufe verändert. Aus mehreren Eingangskanälen wurde möglichst ein gemeinsamer Arbeitskanal mit einem differenzierten Ticketsystem und klaren Rollen, Rechten und Funktionen. Aus Kontakten wurden Aufgaben, und aus »jemand müsste sich darum kümmern« wurde eine definierte Zuständigkeit. Dabei ist auch nachvollziehbar, wer ein Ticket geöffnet und angesehen hat, ohne es zu erledigen, wer es weitergegeben und wer es schließlich bearbeitet und geschlossen hat. So wurde sichtbar, wie viele unserer früheren Probleme gar keine medizinischen Probleme waren, sondern Übergabe-, Informations- und Verantwortungsprobleme.

Heute gibt es für Patienten keinen direkten Telefonkanal mehr zu den MFA. Die Patienten hinterlassen zunächst ihr Anliegen und erhalten dann einen Rückruf, häufig in weniger als zehn Minuten und damit schneller als früher die Zeit in der Warteschleife. Die MFA sieht vor dem Rückruf in die Akte und prüft, ob sie selbst eine Lösung herbeiführen kann oder an PA oder Arzt eskalieren muss. Diese Form der asynchronen Kommunikation hat unsere Patientenversorgung auf ein ganz neues Niveau gehoben.

Die wichtigste Lücke, die die Technik sichtbar gemacht hat, ist für mich aber die Frage des Fallabschlusses. Ein Vorgang ist nicht erledigt, weil eine KI ihn erfasst oder ein Mitarbeiter ihn einmal bearbeitet hat. Jemand muss wissen, dass der Fall tatsächlich abgeschlossen ist – oder wer als Nächstes übernimmt. Entscheidend ist die End-to-End-Betrachtung des gesamten Versorgungsprozesses und damit die Frage, wer letztlich die Verantwortung für diesen Prozess und seinen Abschluss übernimmt.

Baiersbronn, 2019 und 2026

Veränderung gegenüber 2019, 2019 = 100

Baiersbronn, 2019 und 2026
Größe20192026Veränderung
Ärztliche Vollzeitstellen7,03,6−49 %
Fälle im Quartalüber 5.000mehr als 6.500+30 %
Präsenzkontakte je Tag300150−50 %
Quelle: Präsentation von Wolfgang von Meißner auf der HLTH Europe 2026.

08Was die Patienten sagen

Daniel Kleiboldt

Was habt ihr euch von Patientinnen und Patienten anhören müssen, wenn bei euch eine Maschine ans Telefon geht oder mitschreibt? Und hat jemand deswegen die Praxis gewechselt?

Wolfgang von MeißnerBaiersbronn

Natürlich gibt es Patienten, die sagen: »Ich möchte mit einem Menschen sprechen.« Das ist ein völlig legitimer Wunsch, und deshalb muss es einen vernünftigen Weg zum Menschen geben. Bei uns müssen die Patienten dafür ungefähr sechs Minuten am Telefon bleiben, dann gelangen sie in die »menschliche Warteschleife«. Viele erleben den Vorteil aber sehr pragmatisch. Sie müssen nicht x-mal vergeblich anrufen, sondern können ihr Anliegen loswerden und bekommen anschließend eine qualifizierte, mit der Akte abgeglichene Auskunft.

Beim KI-Scribe ist es ähnlich. Wenn erklärt wird, dass das Gespräch KI-gestützt dokumentiert wird und die Verantwortung beim Behandler bleibt, ist die Akzeptanz nach meiner Erfahrung sehr hoch. Mir ist kein Patient bekannt, der deswegen die Praxis gewechselt hätte, und ich habe bislang nicht einmal erlebt, dass ein Patient die KI-gestützte Dokumentation abgelehnt hätte.

Inzwischen habe ich weit über 1.000 Gespräche auf diese Weise dokumentiert. Ich beobachte allerdings, dass ich mich nach über einem Jahr an die durch den Scribe dokumentierten und von mir nur kuratierten Konsultationen schlechter erinnern kann, als wenn ich selbst über die Konsultation reflektiert und dann die entscheidenden sieben bis fünfzehn Worte geschrieben habe. Reflexion ist auch eine ärztliche Tätigkeit. Ich sehe eine gewisse Gefahr, dass hier De-Skilling oder auch Never-Skilling zum Problem werden kann. Die ausführliche Dokumentation hat im Mehrbehandlerteam aber auch Vorteile, wenn sie strukturiert erfolgt.

„Wir müssen nicht für jeden Patienten das passende Modell sein.“

Ahmad Sirfy, München

Ahmad SirfyMünchen

Beim Telefon haben wir den längsten Erfahrungswert, rund sieben Jahre mit Unterbrechungen. Am Anfang wollten die Leute damit schlicht nicht arbeiten, da kam einiges zurück. Heute ist es für die meisten selbstverständlich. Beschwerden gibt es weiterhin, aber deutlich weniger. Das liegt auch an den Systemen selbst, die sind in den letzten Jahren spürbar besser geworden.

Bei der Mitschrift ist es unauffälliger. Wir fragen vorher nach der Einwilligung, und wer sie nicht gibt, bekommt das Gespräch ohne. Abgelehnt wird das selten.

Was es gab: Patienten, die gegangen sind, weil sie nicht digital mit uns arbeiten wollten. Das sage ich offen dazu. Unsere Scheinzahlen sind trotzdem stabil geblieben, deshalb halte ich das für verkraftbar. Wir müssen nicht für jeden Patienten das passende Modell sein.

09Was sich nicht kopieren lässt

Daniel Kleiboldt

Welcher Teil eurer Lösung funktioniert nur, weil eure Praxis da steht, wo sie steht? Was daran ließe sich anderswo nicht nachbauen?

Wolfgang von MeißnerBaiersbronn

Baiersbronn ist keine Blaupause. Wir versorgen eine ländliche Region mit knappen ärztlichen Ressourcen, einem über Jahre gewachsenen Team, hoher HZV-Durchdringung und einer Patientenpopulation, bei der Kontinuität und persönliche Kenntnis eine große Rolle spielen. Wir müssen viele Fälle hausärztlich abschließend lösen, weil eine zeitnahe fachärztliche Weiterbehandlung regional häufig nicht verfügbar ist. Diese Voraussetzungen kann man nicht einfach exportieren.

Kopierbar ist aber das Prinzip: erst den Versorgungsprozess definieren, dann delegieren und digitalisieren – nicht umgekehrt.

Je digitaler wir im Hintergrund werden, desto analoger können wir dort sein, wo es medizinisch und menschlich darauf ankommt.

Ahmad SirfyMünchen

Wir sitzen in Münchner Stadtlage. Ein Teil unseres Konzepts setzt voraus, dass fast alle Patienten die App nutzen. Das funktioniert hier, weil das Umfeld danach ist. Mit einer anderen Altersstruktur trägt es nicht automatisch.

Der zweite Punkt ist die Dichte. Bei 100 Hausärzten im Umkreis von fünf Kilometern müssen wir uns unterscheiden. Bei Wolfgang ist die Frage eine andere, nämlich wie die Versorgung überhaupt zu schaffen ist. Das lässt sich in beide Richtungen nicht einfach nachbauen.

Nachbemerkung

Den Unterschied zwischen Stadt und Land benennen beide am Ende selbst. In Baiersbronn fehlt die fachärztliche Weiterbehandlung vor der Tür, also muss die Praxis mehr Fälle selbst zu Ende bringen. In München muss sie sich unter hundert Kolleginnen und Kollegen im Umkreis unterscheiden. Die Grenze zwischen Mensch und Maschine ziehen beide trotzdem an derselben Stelle, und beide haben sie mit eigener Zeit gezogen, die niemand bezahlt. Wo niemand die Abläufe vorher aufgeschrieben hat, fehlt genau diese Arbeit, sobald der Telefonassistent läuft. Die Frage, wer den Fall abschließt, gehört deshalb vor den ersten Anruf, den die Maschine annimmt.

Daniel Kleiboldt
Jurist, LL.M., Software Engineer

Daniel Kleiboldt

Legal Engineer · Jurist, LL.M., Software Engineer

Berät Praxen, MVZ und Kliniken zu EU AI Act, DSGVO und Haftungsfragen beim KI-Einsatz. Lehrauftrag an der Hochschule Neu-Ulm (HNU).

Stand04.09.2026
FundstelleLegal Engineer
WeiterÜber mich
Welche Aufgaben eine KI in Ihrer Praxis übernehmen kann und wo es heikel wird